Enormer Druck, der auf den Lehrern lastet

Hat die Zahl der depressiven Lehrer zugenommen?

Dr. Reinken: Aktuell hat dies mit der besonderen Corona Situation zu tun, die für die Lehrer sehr vielschichtig ist. Auf der einen Seite fallen die bisherigen Belastungen der Lehrer im Rahmen des Präsenzunterrichtes weg. Es gab ein Stück weit Entlastung aber neue Belastungen sind entstanden durch die distanzierte Führung der Klasse und der Schüler durch die digitalen Medien. Teilweise konnten die Schüler nicht erreicht werden, was den Lehrern Sorgen gemacht hat. Einige Schüler sind dadurch auch verloren gegangen, da finanzielle Möglichkeiten für die digitalen Lehrmittel, wie Laptop nicht zur Verfügung standen. Auch kam es zu Überforderungssituationen bei Lehrern durch die IT. Jetzt, wo die Schulen den Präsenzunterricht wieder aufgenommen haben, haben die Lehrer wieder mit den alten  Belastungen zu tun, müssen bei nun sehr unterschiedlichen Wissensständen die Klassen führen und den zusätzliche Belastungen durch das Förderungsprogramm des Bundes für die Schulträger tragen. Die Einarbeitung in die neuen digitalen Systeme und deren Vermittlung an die Schüler ist eine zusätzliche Belastung. Das ist insgesamt ein enormer Druck der da auf den Lehrern lastet.

Also zusätzliche Belastung, die einfach nochmal oben drauf kommt und auch ehrlicher­weise die Angst, die meisten der Lehrer sind ja, ich sag mal, über der Altersgrenze von 50 Jahren, das heißt, die müssen sich jetzt mit einer neuen Thematik auseinander­setzen und das alleine erzeugt schon mal erheblichen Druck.

Dr. Reinken: Die Erkrankungswelle wird jetzt erst noch richtig durch die vielfältige Belastung und die Ängste selbst angesteckt zu werden kommen.

Jetzt können Sie den Lehrern ja nicht beibringen wie sie mit dem Thema Digitalisierung umgehen. Was können Sie denen denn vermitteln wenn die zu Ihnen kommen.

Dr. Reinken: Das ist richtig – wir können die Situation nicht direkt verändern aber bei einem gesunden Umgang mit der Belastung unterstützen. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Distanzierung aus der belastenden, überfordernden Situation.  Die erlebte Hilflosigkeit  Gratifikationskrisen, Konflikte mit Schülern, Eltern, Kollegen und Vorgesetzten und mangelnde Distanzierungsfähigkeit sind häufige Auslöser für depressive Erschöpfung und für psychosomatische Erkrankungen. Ein erster Schritt bei Symptomen ist daher erst einmal aus allem rauszukommen, Abstand zu schaffen verbunden mit einer ersten Krisenintervention und Stabilisierung. Dann geht es darum diesen Prozess im außen und Innen anzuschauen und Überforderungs­situationen wie sie sich zeigen zu analysieren. Wie bin ich damit umgegangen? Was hätte geholfen? Was gibt es da für Strategien? Und auch das Thema Konflikte und wie kann ich zur Schonung kommen u.s.w. Da die Selbstfürsorge auch zu aktivieren ist, ist es wichtig auch innere eigene Hindernisse für die Selbstfürsorge zu entdecken. Da ist es manchmal wichtig auch in der eigenen Biographie nachzuschauen. Wo sind bestimmte ungünstige Muster entstanden.

Im Schulsystem wird vieles vorgegeben und die Lehrkräfte an der Basis werden in sehr begrenztem Maße mit einbezogen und das ist natürlich ein weiterer burnout-förderlicher Aspekt. Wie man dann aber trotzdem für sich sorgen kann,  wenn der Dienstherr das nicht in dem Maße tut wie es im Moment wichtig und nötig wäre, weil schlicht und ergreifend die Kapazität und die Mittel nicht da sind, ja wie ich dann trotzdem Eigeninitiative ergreifen kann, wie wichtig das ist und mich dafür entscheide und mir notfalls auch selber Unterstützung hole ist dann ein wichtiges Thema in der Therapie.


Und was sind das dann konkret für Angebote, die sie machen an die Lehrer?

Dr. Reinken: `Die Therapieangebote richten sich entsprechend der aktuellen medizinisch-wissenschaftlichen Standards einerseits direkt auf die Symptome und andererseits wird der Patient mit seinen Bedürfnissen mit einbezogen. Achtsamkeitsbasierte Interventionen in Verbindung mit Naturerleben und tiergestützter Therapie kann z.B. sehr hilfreich sein, wieder mehr aus dem Burnoutprozess der Selbstentfremdung zu sich selbst zu finden. In der Therapie geht es ja häufig darum, wieder mehr zu sich selbst und dem eigenen Weg zurück zu finden. Dies gelingt in Form von Einzeltherapie und Gruppentherapie.  Hierbei sind nicht nur Gespräche wichtig sondern auch das Erleben und die sogenannte erlebnisorientierte Psychotherapie. Hier nutzen wir z.B. auch in unserer Ergotherapie die Ressourcen auf einem im Nachbarort gelegenen Biobauernhof. Der Aufenthalt an der frischen Luft und der Umgang mit den Naturmaterialien tut vielen Patienten enorm gut. Patienten kommen dort aber auch durch die angeregten Therapieprozesse an die eigenen Themen, wie den Umgang mit Verteilungskonflikten, Abgrenzung oder der Wahrnehmung von eigenen Grenzen und den Umgang damit.

Hierzu gehören Fragen wie „Bin ich zu dem gekommen was ich eigentlich wollte und habe ich auch zwischendurch rechtzeitig gemerkt, dass ich an Leistungsgrenzen komme und dass ich eine Pause brauche. Dies wird dann in den Abschlussrunden reflektiert. Auch die Stimmung ändert sich dort häufig zum Positiven. So hat z.B. ein Teilnehmer am Ende des Tages in der Natur voller innerer Freude geäußert: „Ich bin schmutzig und glücklich“.


Na ja. Ich glaub halt, da sieht man auch die Früchte der Arbeit relativ schnell, da ist was geschaffen worden.

Dr. Reinken: Genau. Und es wird auch geerntet, was andere vorher gesät haben, das ist auch ein interessanter Aspekt.


Und das Problem ist natürlich wenn sie jeden Tag im Unterricht sitzen, da wird man ja nur mit vielen Herausforderungen konfrontiert und versucht eigentlich nur die Stunde so gut wie möglich - stell ich mir hier jetzt mal hier vor in Berlin beispielsweise - so gut wie möglich durchzuziehen ohne große Probleme und das macht natürlich nicht sonderlich glücklich wenn man da rauskommt, kann ich mir vorstellen.

Dr. Reinken: Depressionen bei Lehrern sind häufig mit sehr fürsorglichen Grundhaltungen der Lehrer den Schülern gegenüber verbunden. Dies führt häufig zu stark versorgenden beziehungsmustern den Schülern gegenüber, die bei auftretenden Konflikten mit den Schülern oder den Eltern dann zu starken Enttäuschungen und sogenannten Gratifikationskrisen führen, besonders wenn man sich vorher in Überforderungssituationen befunden hat.

So führt dies zu Frust und ggf. noch größerer Anstrengung und dann zum Zweifel an sich selbst und der eigenen Fähigkeit, diesen Beruf überhaupt noch ausführen zu können.

Diesen Teufelskreislauf zu reflektieren und letzten Endes Verantwortung da zu übernehmen wo man sie hat, aber auch dorthin zurückzugeben, wo man sie eben nicht hat, ist ein wichtiger Therapieprozess.


Ja. Jetzt mal vielleicht weg von der Therapie hin zur Prävention. Müsste dann eigentlich nicht viel mehr im Vorfeld schon getan werden, dass Lehrer, dass Menschen überhaupt erst gar nicht psychisch krank werden? Also ich meine, das müsste Aufgabe eines jeden Arbeitgebers sein, so etwas zu verhindern.

Dr. Reinken: das ist richtig. Es gibt ganz viele Angebote. Zum Beispiel arbeite ich mit dem bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband  zusammen. Wir haben zusammen mit  Herrn Professor Bauer ein Coaching-Seminar für Lehrerinnen und Lehrer erarbeitet, das aus mehreren Gruppensitzungen besteht. Ein besonderes Angebot gibt es auch für Schulleiterinnen und Schulleiter.  Unterstützung gibt es durch den BLLV und die Bayerische Versicherungskammer.


Das ist ja aber - glaub ich - mehr und mehr jetzt ein - wie soll man’s sagen - ein bisschen Vorbildcharakter, der durch die Lande geht, es ist ja am Montag die offensive psychische Gesundheit vorgestellt worden im Bundesarbeitsministerium, im Bundesfamilien­ministerium, Bundesgesundheitsministerium. So was muss sich natürlich auch auf der Länderebene, auf der kommunalen Ebene und bei jedem Arbeitgeber eigentlich irgendwann niederschlagen, dass wenn das Thema nun schon breit und groß angegangen wird, das sich bitte jeder zu Herzen nimmt weil … Was ich schlimm finde ist, es gibt ja Möglichkeiten wirklich psychische Erkrankungen zu verhindern oder zu gucken, dass man die Menschen möglichst gut einstellt auf eine Situation und dass alleine das nicht genutzt wird, das finde ich schon menschenverachtend zum Teil.

Dr. Reinken: Ich habe selber mitgearbeitet bei einem runden Tisch für Lehrergesundheit des Bayerischen Kultusministeriums.  Dort haben wir wirklich sehr sehr gute Konzepte entwickelt, aber die Umsetzung in der Fläche ist sehr zäh.


Und woran liegt das? Was glauben Sie? Ist es noch nicht angekommen, dass es so immens wichtig ist oder ist das einfach, ja, weiß ich nicht, den Strukturen geschuldet, dass eben alles am Amt länger dauert?

Dr Reinken: Die Mühlen mahlen sehr langsam und oft fehlt es auch an Ressourcen. In Baden-Württemberg ist es so, dass das oben beschriebene Lehrer-Coaching vom Kultusministerium in Baden-Württemberg gefördert wird. Das Kultusministerium schreibt einmal im Jahr die Schulen in Baden-Württemberg an und fragt nach, ob Bedarf besteht. Solche Coaching-Gruppen können von den Schulen dann angefordert werden.


Dann hoffen wir mal, dass diese Offensive Psychische Gesundheit da vielleicht jetzt noch ein bisschen einen Anschub gibt. Ich werde es auf jeden Fall mitnehmen in diese Arbeits­gruppe beim Bundesarbeitsministerium. Denn wenn die Behörden nicht als allererstes bei sich selbst vor der eigenen Haustüre kehren, sozusagen, wie soll es denn dann in jedem Unternehmen umgesetzt werden.

Dr. Reinken: Prima, das ist Klasse.


Super. Haben sie noch irgendwas, das sie ganz dringend loswerden möchten. Was sollte man noch tun?

Dr. Reinken: Ja. Leider ist das Thema Psyche immer noch stigmatisiert. Dabei ist es so wichtig, rechtzeitig etwas zu tun. Und man kann so viel für die psychische Gesundheit tun. Und so möchte ich alle Lehrkräfte ermutigen, sich rechtzeitig Hilfe zu holen. Der erste Schritt ist oft mit anderen darüber zu reden und im Dialog Wege zu skizzieren und sich nicht erst durch Erkrankungen treiben zu lassen. Erste Warnzeichen  sind häufig Schlafstörungen.  Wenn  ein Gefühl von Freudlosigkeit, also Verlust von Freude an Dingen, die einst Freude gemacht haben hinzutritt sollte man den Hausarzt aufsuchen. Es müssen ja nicht immer psychische Ursachen sein. Eine Schilddrüsenunterfunktion kann ähnliche Symptome machen, wie eine Depression. Zusammen mit dem Hausarzt können weitere Untersuchungen und weitere Schritte geplant werden. Diese können z.B. der ambulante Kontakt mit einem Psychotherapeuten oder bei entsprechender Schwere oder Krisenhaftigkeit und der Notwendigkeit Abstand zu gewinnen auch eine stationäre Maßnahme in einer psychosomatischen Klinik sein. 

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